Von unbewohnbaren Zonen des sozialen Lebens, die dennoch dicht bevölkert sind

Oranienstraße

In der Oranienstraße 2011 | Foto: Frans de Lippe

Die Auf­merk­sam­keit – setzte Sylke van Dyk 2013 den An­ker­punkt für ih­re Ant­wort auf die Fra­ge nach der ak­tu­el­len Figur der so­ge­nannt guten Ge­sell­schaft1, rich­te sich für sie auf zwei Grup­pen, die in ganz un­ter­schied­li­cher Weise nicht zur „Mitte“ der for­dis­ti­schen Gesellschaft zählten und gerade des­halb die fle­xi­bi­li­sier­ten Grenz­zie­hun­gen der Ge­gen­warts­ge­sell­schaft ex­em­pla­risch sichtbar werden lassen: Men­schen hö­he­ren Le­bens­al­ters und Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund.

Wo ‚junge Al­te‘ und bestimmte Mi­gran­tin­nen und Mi­gran­ten in neuer Weise als soziale Per­so­nen adres­siert wer­den, sind es die Hoch­al­tri­gen und Pfle­ge­be­dürf­ti­gen, die Illegalisierten, Ge­dul­de­ten und Flücht­lin­ge im Asyl­ver­fah­ren, die in den „‚‚un­be­wohnbaren‘ Zonen des sozialen Le­bens, die dennoch dicht be­völ­kert sind“ (Buttler), (über-) le­ben. (15)

Über an­de­re Formen sozialer Benachteiligung hinaus und ihre Vielschichtigkeit

So geht der Angriff auf die körperliche Integrität von Hoch­al­trigen (durch Ver­nach­läs­si­gung und „Fesselung“ in Pfle­ge­hei­men2) und Flüchtlingen (durch die Ver­wei­ge­rung me­di­zi­ni­scher Versorgung3 oder durch die Abschiebung in Staaten, in denen Tod, Hunger oder Folter drohen4) in seiner de­hu­ma­ni­sie­ren­den Radikalität über an­de­re For­men sozialer Be­nach­tei­li­gung hinaus. Während in den erweiterten Nor­ma­li­täts­zo­nen adressiert, aktiviert und mobilisiert wird, Flexibilität und Ei­gen­ver­ant­wor­tung groß geschrieben werden, herr­schen außerhalb dieser Zonen an­de­re Gesetze: De­ak­ti­vie­rung und Demobilisierung, Fixierung und Verzicht auf Re­ha­bi­li­ta­tion, „Entantwortung“ und Infantilisierung – das ist der Alltag derjenigen, die nicht als soziale Personen an­ge­spro­chen werden. (20)

Zugleich verbietet sich jede Homogenisierung der „Ver­wor­fe­nen“, sind doch die dicht bevölkerten, „‚un­be­wohn­ba­ren‘ Zo­nen des sozialen Lebens“ in hohem Maße viel­schich­tig, wie die aufeinander verwiesenen Lebenslagen von pfle­ge­be­dürf­ti­gen Hochaltrigen und migrantischen Haushaltshilfen zeigen. (20)

Aufgelesen | Zuerst veröffentlicht als: Unter der Woche zitiert: In guter Gesellschaft? Von unbewohnbaren Zonen des sozialen Lebens, die dennoch dicht bevölkert sind. auf www.engagementwerkstatt.de, 22.07.2014, aktualisiert 06.01.2015

  1. van Dyk, Sylke: In guter Gesellschaft? Wandel in den Randzonen des Sozialen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Hrsg. Bundeszentrale für Politische Bildung), (13-14)2013, 14-20
  2. Anm. jor: Vgl. dazu die Dissertation von Susanne Moritz: Staatliche Schutzpflichten gegenüber pflegebedürftigen Menschen aus dem letzten Jahr und die öffentliche Diskussion darüber, hier laufend dokumentiert: Universität Regensburg. Dr. Susanne Moritz↵
  3. Anm. jor: Vgl. etwa zum Referentenentwurf des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes die Stellungnahme der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Ver­ant­wor­tung (IPPNW): Uneingeschränkten Zugang zur medizinischen Versorgung gewähren. Referentenentwurf des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes, 22.07.2014 – und 2013 bereits: Stellungnahme der Zentralen Kommission zur Wah­rung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bun­des­ärz­te­kammer „Versorgung von nicht regulär krankenversicherten Patienten mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund“.
  4. Anm. jor: Zum „Ketten-refoulement“ im Ergebnis der Anwendung des Konzeptes „Sicherer Drittstaat“ schon 2001 der Hochkommissär der Vereinten Nationen für die Flüchtlinge: Die Anwendung des Konzepts „sicheres Drittland“ und seine Auswirkungen auf den Umgang mit Mas­sen­flucht­be­we­gun­gen und auf den Flüchtlingsschutz.